Montag, 27. Mai 2013

Sommerfigur, Teil 7


- EIN PAAR WOCHEN FRÜHER, ABER SCHON WIEDER SPÄTER -


(Fotostudio im Redaktionsgebäude einer renommierten Frauenzeitschrift)

Fotografin (genervt) So kann ich nicht arbeiten! Wie soll ich denn dieses tolle, neue  Diätgericht fotografieren, wenn gar nix auf dem Teller liegt, verdammt?

Köchin (grantig) Motz’ mich nicht an: mehr krieg’ ich aus einer kleinen Kartoffel, einem Brokkoliröschen, einer halben Karotte und einem viertel Teelöffel Sauerrahm nicht raus, auch wenn’s laut Rezept „Sommerlicher Gemüseteller“ heißen soll.

Foodstylistin Beruhigt euch, Mädels – das krieg’ ich schon hin. Zuerst sprühen wir ein bißchen Klarlack darüber, damit alles schön glänzt. Dann bröseln wir noch ein bißchen Petersilie an den Rahm, drapieren vier Pfefferkörner auf dem Brokkoli und legen eine hübsch gemusterte Serviette neben den Teller. Dann noch einen Löffel dazu… voilà!

Fotografin Hm… schon besser. Und wenn ich ganz nah draufzoome, sieht es nach ordentlich viel Essen aus…

Köchin Aber wenn man genau hinschaut, sieht man doch, daß das bißchen Zeug da auf dem winzigen Mini-Teller im Prinzip in die Höhlung von dem Löffel passt!

Foodstylistin Himmel ja, du hast Recht! Wir nehmen natürlich einen Teelöffel, dann wirkt die Portion gleich noch ein bißchen größer.

Fotografin (knipst) Wunderbar! Sieht sehr appetitanregend aus und wirkt jetzt auf dem Foto wie eine komplette Mahlzeit. Was haben wir als nächstes?

Köchin Das wär’ dann die „Mediterrane Nudelpfanne“, bestehend aus fünf Nudeln, einer halben Tomate, einem viertel Zucchini, drei Zwiebelringen und zwei Fransen Thunfisch.

Foodstylistin Gut, da malen wir mit dem edding ein paar Streifen auf die Tomate, damit sie aussieht, als wäre sie gegrillt und dann werfen wir jetzt noch ein Pfund frischer Basilikumblätter drumherum - schon ist auch dieses traurige Häufchen ein komplettes Mittagessen.

Fotografin (knipst) Entzückend! Das macht was her und könnte glatt das Titelbild für unser neues Diät-Extraheft werden.

- IRGENDWANN VIEL SPÄTER -

 (in Großmutters Küche)

Gretel (maulend) Was soll das denn sein, Großmutter?

Großmutter Du hast doch gesagt, ich soll dir ein Diätessen kochen, Gretel. Das ist der „Orientalische Linseneintopf“ und ich hab’ mich ganz exakt ans Rezept aus deinem Heftl gehalten und die Linsen abgezählt.

Gretel Das sieht aus wie ein Hundehäufchen – von einem sehr, sehr kleinen Hund. Das kann nicht stimmen, hast du denn das Bild im Heftl nicht gesehen? Da schaut das aber ganz anders aus. Großmutter, du hast falsch gekocht!

Großmutter (wütend) Du fängst gleich eine, junge Dame! Ich und „falsch kochen“!

Gretel (jammert) Aber ich hab’ so einen Hunger und von so einem Häufchen werd ich doch nicht satt! Selbst wenn ich jeden Bissen dreißigmal kaue und zwei Liter Wasser dazu trinke – ich bin eine erwachsene Frau, mein Körper braucht Nahrung!

Kaschperl Vielleicht ist in dem Rezept ein Druckfehler drin und es heißt nicht 25 Linsen sondern 250 Gramm Linsen… du solltest mal einen Leserbrief an die Zeitung schreiben und nachfragen.

Großmutter Das ist eine gute Idee. Und jetzt kommt mit euren Tellern her, ich hab’ den Schweinsbraten, die Semmelknödel und den Krautsalat fertig. Das ist richtiges Essen und schaut auch so aus.

Gretel Für mich zwei Knödel, bitte! Und krieg’ ich die Kruste?

- VIEL, VIEL FRÜHER - ABER ETWAS SPÄTER -


(im Königsschloß – die böse Königin steht vor ihrem Zauberspiegel und betrachtet sich lange und eingehend darin)

Königin Spieglein, Spieglein an der Wand – wer ist die Schönste im ganzen Land?
Spiegel (gelangweilt) Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Brigittchen, das kleine Schneewittchen, ist wesentlich schlanker als Ihr!
Königin Immer noch? Verdammt, da muß ich wohl härtere Maßnahmen ergreifen. 

Spiegel Wie meinen, Hoheit?

Königin (böse lächelnd) Das wirst du noch früh genug erfahren…
 
- DANACH, ABER IMMER NOCH FRÜHER -

(Büro im Redaktionsgebäude einer renommierten Frauenzeitschrift)

Scheff Also Mädels, was haben wir?

Redakteurin Wir haben eine schöne Bilderstrecke mit neuen, leichten Sommerrezepten. Wir haben Vorher-Fotos von echten, übergewichtigen Frauen, die wir bei der Aktion begleiten und nach dem Ende zum Vergleich nochmal vor der Kamera inszenieren.

Scheff Auf deutsch: ihr habt die Fotos schon alle gemacht. Einmal mit dicken Backen und Kissen unter der Bluse – und einmal mit normalem Gesicht und eingezogenem Bauch? Sehr löblich, das spart uns einen Foto-Termin. Ihr wisst ja, Mädels: das Geld wächst nicht mehr auf den Bäumen.

Redakteurin Dann hat der Professor ein spektakuläres, neues Mittel entwickelt, um den Stoffwechsel anzukurbeln und nach der Diät nicht mehr zuzunehmen. Es heißt „No-Jo-Jo“ und kostet pro Spritze zwanzig Mark. Das übernimmt die Kaschperlkasse nämlich nicht.

Scheff Haben wir uns da abgesichert?

Redakteurin Natürlich: der Professor hat gesagt, daß das Mittel ganz natürlich und absolut unschädlich ist – und der muß es wissen, der hat es ja erfunden.

Scheff Gut, wenn der das sagt, wird’s schon stimmen. Und wenn’s neu ist, werden’s auch alle mal ausprobieren wollen, das ist gut fürs Geschäft. Was haben wir noch?

Redakteurin (verblüfft) Wie jetzt – „noch“?

Scheff Mädels, das könnt ihr natürlich nicht überblicken, aber wir brauchen einen echten Knaller für die Sommer-Aktion! Die Konkurrenz schläft nicht, da sollten wir schon ein bißchen mehr anbieten als Rezepte, Vorher-Nachher-Fotos und ein Wundermittel. Also bitte, lasst euch noch was einfallen, ja? – Tschau, Mädels!

(Scheff ab zum Nachmittagstee bei der Königin)
 
Redakteurin Ich hasse es, wenn er das macht! (verzweifelt) Was sollen wir denn noch anbieten? Einen pfiffigen Kurzhaarschnitt, der das Gesicht schmaler wirken lässt und nochmal ein paar Gramm weniger auf der Waage bringt? Schminktipps, mit denen dicke Backen aussehen wie hohl gehungerte Modelgesichter? Anti-Schokolade-Selbsthypnose? Eine Modestrecke mit Großmutters Fischbein-Korsetts? Einen Psycho-Test über das Eßverhalten? Verdammt, was will er denn noch?!

Praktikantin (schüchtern) Bewegung, vielleicht?

Redakteurin Ja, beweg’ dich mal und hol’ mir einen Kaffee und ein Aspirin!

- FORTSETZUNG FOLGT -