Donnerstag, 30. Mai 2013

Sommerfigur, Teil 10



- VORHIN -

(vor Großmutters Haus – Gretel blättert mißmutig in einer Frauenzeitschrift herum)

Gretel Na toll: Bikinis für jede Problemfigur… kleiner Bauch, großer Busen, dicker Hintern, kleiner Busen – aber nix für dicken Hintern und dicken Bauch und großen Busen!

Großmutter (ruft aus dem Gemüsebeet herüber) Gretel! Komm’ doch mal rüber und hilf’ mir beim Unkrautzupfen! Die Bewegung tut dir gut und ich hab’s im Kreuz…

Gretel Geht nicht, das ist nicht die richtige Bewegung zum Abnehmen, weil da ist kein Belastungs-Intervall dabei!

Großmutter Wenn’st eine Belastung brauchst, kannst’ zwischendurch die Bohnen hochbinden, im Salatbeet umgraben und der Rasen g’hört auch g’mäht…

Gretel Nein, das is’ alles nix, um in den richtigen Pulsbereich zu kommen und dann verbrenn’ ich kein Fett, sondern komm’ bloß ins Schwitzen.

Großmutter Weißt du dann wenigstens, woher die ganzen Schrauben und Scherben kommen, die im Radieserlbeet liegen?

Gretel Die sind von der Waage – die hab’ ich heute morgen ausm Badfenster rausg’schmissen und dann wird’s wahrscheinlich da im Beet aufg’schlagen sein.

(Auftritt Kaschperl mit Korb am Arm)

Kaschperl Boah, so weit kannst du eine Waage schmeißen, Gretel? Respekt! Hast’ schon wieder was abg’nommen?

Gretel Was meinst, warum die Waage im Radieserlbeet liegt, du Depp?

Kaschperl Also irgendwas machst du falsch, Gretel. Ich hab’ grad beim Einkaufen die Goldmarie getroffen und die macht die gleiche Diät aus dem Heftl wie du – aber die ist schon viel dünner g’worden.

Gretel Naja, aber dafür schaut’s recht spitz und krank im Gesicht aus. Und sie wirkt jetzt viel älter als ich, dabei ist sie ja drei Wochen jünger.

Kaschperl Aber sie hat so einen Minirock angehabt und ich hab’ gar nicht gewußt, daß die Goldmarie so tolle Beine hat…

Gretel Wenn’s meint, daß sie rumlaufen sollt’ wie ein Flitscherl, bitteschön. Mir wär’ des viel zu blöd, wenn ich halb nackig unterwegs wär’ und mich jeder anglotzen tät’.

Kaschperl Und die Goldmarie sagt, daß sie die Diät total einfach findet, weil sie mit den drei Mahlzeiten und den Turnübungen super gut zurechtkommt. Sie hat gar keine Lust mehr auf Schokolade und ihre Laufstrecke schafft sie schon in der halben Zeit, weil sie so fit ist. Und die Spritzen in den Bauch findet sie gar nicht so schlimm, sie sagt, daß sie richtig spürt, wie ihr Stoffwechsel auf Hochtouren läuft und jeden Tag wiegt sie ein Pfund weniger und…

Gretel Man soll sich gar nicht jeden Tag wiegen. Und ich find’ die Diät auch total einfach. Das mit den Nüssen, die man essen soll, wenn man Heißhunger hat – das ist super, denn die machen schön satt und sind außerdem gesund.

Kaschperl Ich weiß ja nicht… die Goldmarie sagt, eine kleine Handvoll Cashew-Kerne knabbert sie auch mal – aber du hast neulich zwei Pfund gebrannte Mandeln verputzt, Gretel…

Gretel (patzig) … sind auch Nüsse!

Kaschperl … und eine Dreihundert-Gramm-Tafel Nußschokolade futtert die Goldmarie bestimmt auch nicht. Die schaut jetzt nämlich echt toll aus und sie sagt, seitdem sie zusätzlich das Eiweißpulver nimmt, hat sie…

Gretel (aufhorchend) Was für ein Eiweißpulver?

Kaschperl Zur Unterstützung der Diät, hat sie gesagt. Ist ganz was neues, das steht im neuen Heftl drin – das macht satt und irgendwie ist das auch gut für den Stoffwechsel und davon hat sie sich gleich ein paar Dosen bestellt, denn wenn die anderen Frauen im Königreich draufkommen, wie toll das Pulver wirkt, dann wollen’s alle haben und dann gibt’s keins mehr und … Gretel? – Gretel, wo willst’ denn hin?

(Gretel rast ins Haus, um ein paar Dosen Eiweißpulver zu bestellen)
 
- WIEDER EIN PAAR WOCHEN FRÜHER -
 

(im Redaktionsbüro der Frauenzeitschrift)

Redakteurin Die Umsatzzahlen sind da, Scheff. Das letzte Heft mit der neuen Diät hat sich sehr gut verkauft, aber die ersten Leserbriefe von unzufriedenen Frauen sind auch schon da…

Scheff Na und? Wir verkaufen Unzufriedenheit, Mädels: wir machen unseren Leserinnen immer erstmal alles madig. Ihre Figur, ihre Frisur, ihren Job, ihre Beziehung, ihre Klamotten – ALLES. Wir verstecken das hinter scheinheiligen Titeln, Umfragen und Psychotests… und dann erklären wir ihnen, daß alles, was sie bisher hatten und kannten, eigentlich totaler Mist war und zeigen ihnen brandneue, wissenschaftlich untermauerte Alternativen auf.

Redakteurin Aber das ist nichts neues mehr, das machen wir doch schon seit Jahrzehnten so. Sie haben doch gesagt, daß wir was Revolutionäres brauchen, also quasi eine Diät hoch zwei.

Scheff Genial! Das hätt’ ich dir gar nicht zugetraut, Schätzchen… manchmal bist du klüger, als du ausschaust. - Wir machen den Leserinnen jetzt die Diät madig… und dann erklären wir ihnen, daß alles, was sie bisher gemacht haben, eigentlich totaler Mist war und zeigen ihnen brandneue, wissenschaftlich untermauerte Alternativen auf.

Redakteurin Wie jetzt… ?!

Scheff Wir werden doch noch irgendeine abstruse Theorie in der Schublade haben – da war doch mal was mit dem Joghurt für den flachen Bauch…

Redakteurin … von dem die Leserinnen alle Durchfall bekommen haben…

Scheff … oder diese fettverbrennenden Tees…

Redakteurin … die niemand trinken konnte, weil sie so scheußlich geschmeckt haben, als hätte man die Socken vom Kaschperl ausgekocht…

Scheff … oder dieses Algen- und Seetang-Zeug…

Redakteurin … von dem alle Leserinnen grüne Haare und Zähne bekommen haben und ausgeschaut haben wie der Plumpaquatsch…

Scheff … oder diese Knoblauchpillen…

Redakteurin … fragen Sie nicht…

Scheff … oder das komische Eiweißpulver, das der Professor mal entwickelt hat, als wir das mit den Milkshakes ohne Milch im Rezeptteil hatten?

Redakteurin Davon haben wir noch ein paar Tonnen auf Lager, weil die Shakes ekelhaft waren – das wollte niemand haben, obwohl wir es bis zum Anschlag bejubelt und beworben haben.

Scheff Na bitte! Da haben wir’s doch! Mädels, lasst’s ein paar neue Etiketten für die Dosen drucken und dann verkaufen wir das Zeug als „leckeren Eiweiß-Shake“ zur besseren Fettverbrennung oder so. Lasst’s euch was einfallen, damit es sich so anhört, als wär’ das was ganz Tolles und Gesundes… und dann werden sie uns das Zeug aus den Händen reißen.

Praktikantin (schüchtern) Und was machen wir jetzt mit den Leserbriefen?

Scheff Die tust’ jetzt alle mal schön beantworten. Mir haben da eine Datei mit Textbausteinen, da suchst’ dir ein paar schöne Sätze raus und machst’ überall noch einen Hinweis drauf, daß alle offenen Fragen gesammelt und im nächsten Heft ausführlich beantwortet werden. Damit wären dann die Umsatzzahlen für die Ausgabe auch schon mal sicher. – Also Mädels, jetzt tut’s mal schön arbeiten und ich schau’ mir morgen an, wie’s geworden ist.

(Scheff ab zum Golfspielen mit dem Herrn König und dem Onkel Doktor)

Redakteurin Ich hasse es, wenn er das macht!
- FORTSETZUNG FOLGT -